B r a s s  B a n d
M u s i k s t i l  o d e r  L e b e n s e i n s t e l l u n g  

Vorwort

In den letzten Jahren hat sich die britische Brass Band Bewegung in Europa weit ver­breitet und immer mehr Anhänger gefunden. Auch in unserem kleinen Dorf im nördlich­sten Teil der Schweiz hat sich dieser Blasmusikstil etabliert, und ich selber bin ein eifriger Anhänger der Brass Band Bewegung.

Man muss Brass Bands als einen Teil des englischen Lebens überhaupt bezeichnen. In der Schweiz wird Brass Band leider immer noch häufig einfach nur als „Blasmusik wie man sie ja kennt“ abgetan, dabei ruft ihre Geschichte starke soziale Bilder hervor und gibt eine Einsicht in die Entwicklung der Blechblasinstrumente.

Brass Bands – in Grossbritannien eines der populärsten Medien für Musik, angefangen von TV-Übertragungen, über Contests der absoluten Höchstklasse, bis hin zu Platz­konzerten in den entlegensten Ortschaften.

Kurz: Es gibt nichts, das für das englische Leben typischer wäre, als Brass Band.

1.    Entstehung der Brass Band

1.1.  Entstehung in England

Die geschichtliche Entwicklung der Brass Band zeigt, dass sie aus militärischen Blasorchestern entstand ist. Englands Industrialisierung im 19. Jh. und die Anfänge der Brass Band Bewegung können etwa gleichzeitig angesetzt werden. Die Musik half den Fabrikarbeitern des 19. Jh. ihre undankbare Arbeit und kümmerlichen Lebensverhältnisse zu vergessen, war gleichzeitig ein gesunder und nützlicher Zeitvertreib und hatte zugleich einen therapeutischen Wert. Die höhere soziale Schicht mischte sich nur sehr selten unter die Musikanten, spendete aber sehr oft Geld für den Kauf von Instrumenten. Fabrik- und Mienenbesitzer finanzierten mit stolz ihre eigenen Werks Brass Bands, da sie sich auch der kommerziellen Bedeutung einer werkseigenen Kapelle bewusst wurden: Sie konnte Arbeiter anlocken und zur Werbung für die Erzeugnisse beitragen.

Viele dieser Kapellen existieren heute noch. Ihre Namen erinnern an die ursprüngliche oder auch heute noch vorhandene Firmenzugehörigkeit, z.B. Williams Fairey Engineering Band, Black Dyke Mills Band, CWS Glasgow Band, Carlton Main Frickley Colliery Band, Yorkshire Building Society Band etc.

Vielleicht fühlten sich die Fabrik- und Mienenbesitzer manchmal erleichtert, dass ihre Arbeiter sich im ungefährlichen musizieren übten, statt sich in der gefährlichen Politik zu engagieren. Die ersten Bands waren aber Männern und Knaben vorbehalten, Frauen waren ausgeschlossen. So hatte die Ära der Arbeiter Brass Bands begonnen. Allmählich trat auch ein lebendiger, wetteifriger Geist in die Bandwelt ein. Für die Firmen waren die Bands so wichtig, dass sie sogar Inserate für Bläser aufgaben, z. B. 1887 John Murgatrouyd’s Oats Royd Mills Band in Halifax:

"Gute Cornet-, Horn- und Baritonbläser gesucht: gute Gelegenheit für Mechaniker, Weber, Wollsortierer, mit oder ohne Familie!"

Eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielte in der Entstehungsgeschichte sicher auch die Heilsarmee. Sie stand vor dem Problem, dass sie die Leute auf der Strasse erreichen musste. Ursprünglich versuchten sie dies mit Gesang und Sprechchören, aber es wurde schnell klar, dass so nur wenige Passanten auf sie aufmerksam wurden, vor allem auch wegen dem immer stärkeren Verkehrsaufkommen. So versuchten sie auf Blasmusik umzusteigen. Nun standen sie aber vor einem weiteren Problem, man brauchte eine Besetzung, welche mit möglichst wenigen Mitgliedern eine ansprechende Musik machen konnte. Da es auch der Heilsarmee nicht unbekannt blieb, dass viele Arbeiter in Werks Brass Bands spielten, und sie ohnehin die Arbeiterklasse anzusprechen versuchten, wechselte man nach und nach in dieses Metier; dazu kam noch, dass es kaum einen anderen bekannten Besetzungstyp gab, der mit so wenigen Mitgliedern auskam.

1880 ging der Befehl von General Booth, Vater der Heilsarmee, aus, dass alle Offiziere und Soldaten ein Instrument zu erlernen hatten. 1886 gab es bereits 400 Heilsarmeebands, welche die Heilsbotschaft vermittelten

Viele namhafte Komponisten schrieben ihre Werke ausschliesslich für die Heilsarmee, und diese war darauf bedacht, dass ihre Kompositionen nicht ausserhalb ihres Kreises gespielt wurden. Erst Mitte dieses Jahrhunderts wurden Heilsarmeekompositionen auch andern Bands zur Verfügung gestellt, und sogar auch schon an Contests gespielt.

Als die Popularität dieses Blasmusikstil zunahm, erlernten viele Leute von anderen Mitgliedern der Familien ein Instrument. Die Distinfamilie unternahm viel, um die Idee der Bands zu unterstützen und zu verbreiten. John Distin erzielte nationalen Ruhm als Keyed- Bugle- Bläser und Trompeter in der Armee. Er brachte seinen vier Söhnen das Spielen von Blechblasinstrumenten bei. 1835 traten sie als Quintett in Edinburgh auf, hatten aber nur begrenzten Erfolg, bis sie 1844 den Instrumentenmacher Adolphe Sax trafen. Sax war fasziniert von der Idee, eine komplette Instrumentenfamilie zu bauen. Die Distins übernahmen die Saxhörner in ihr Quintett und kamen dadurch zu grossem Erfolg. Leider meinten beide, Sax und Distin, der Erfolg wäre nur das Resultat ihrer selbst. In Wirklichkeit trugen vermutlich beide zum Erfolg bei, aber auch viele andere engagierten Blechbläser.

In vielen Dörfern waren Bands eine Familienangelegenheit, wie z. B. in der Bramley- Band, Leeds: 1826- 1906 waren 15 Personen der Hestling- Familie Bandmitglieder!

Brass Bands werden meist als Northern Phenomena betrachtet, fanden doch die meisten der Bandgründungen in der Nähe von Manchester statt. Die Brass Band war ein Teil der Popularitätsstruktur. In der Zeit von 1860- 1880 wurden sehr viele Brass Bands gegründet. Um 1890 schätzte man die Zahl der Brass Bands in England auf rund 40'000. Genau gesehen waren es wohl nur 15’00 bis 20'000.

Zwei bedeutende Ereignisse haben zum Aufschwung der Brass Bands beigetragen: Die Erfindung und Entwicklung der Ventile für Blechblasinstrumente und die Aufstellung der Saxhornfamilie, welche sich gemeinsam mit den Cornets, den Posaunen und den Waldhörnern als besonders leistungsfähig für Freiluftmusik gezeigt hatten.

Die Idee der heutigen Form von Brass Band entstand bei der Great Industrial Exhibition 1851 in London. Dazu ein Kommentar der Illustratet London News vom 23. August 1851:

Die Ausstellung von Brass Instrumenten im französischen Teil der Ausstellung ist überdurchschnittlich gut. Unter den Ausstellern wäre zuerst Herr Adolphe Sax aus Paris zu erwähnen, bekannt in England und dem Kontinent als Erfinder des Saxhorns.

Bald entdeckten die Bands, dass sie in der Gemeinde für Anlässe gefragt waren. Einige Musiker hatten Erfahrung in Militär- und Dorfbands, andere waren Anfänger mit einem grossen Spielenthusiasmus, und wurden von den Bands angelernt.

Militärkapellmeister bestimmten im Rahmen gewisser Richtlinien, und der ihnen zur Verfügung gestellten Musikern und Instrumenten die ersten Besetzungstypen für unterschiedliche Auftritte: Marsch- oder Konzertmusik, Tanz- und Unterhaltungsmusik. Die Musiker wechselten unter Umständen sogar die Instrumente. Details solcher Bands sind leider sehr spärlich.

Generell handelte es sich um recht subjektive und zufällig zusammengewürfelte Gruppen. Die zivilen Bands orientierten sich an der Instrumentation von Armeespielen, aber spielten  gewöhnlich mit einer kleineren Besetzung und ohne Oboen. Am Beispiel der Stalybridge Band soll gezeigt werden, wie sich eine Band entwickelte:

1809 versuchte man, eine Band zu formieren: Mit einer Flöte, einem Fagolet und einer Klarinette.

1814 war die Stalybridge Band mit folgenden Instrumenten besetzt: 4 Flöten, 4 Klarinetten, 2 Fagotte, 1 Trompete, 2 Hörner, Keyed Bugle, Basshorn und Schlagzeug.

1819 wurde die Band durch Aufnahmen von einer Ophikleide, Cornopeans, 4 Klarinetten und einem Serpent erweitert.

Später bestand die Band aus 9 Cornets, 4 Hörnern, 2 Tenorhörnern, 1 Euphonium, 3 Posaunen, 2 Ophikleiden, 2 Bombardons und Schlagzeug.

1857 wurde das britische Militärmusikwesen einer gewaltigen Reform unterzogen. Unter anderem wurde der bunten Menge von verschiedenen Besetzungstypen ein Ende bereitet. Die Artillery und Cavallery erhielten eine Brass Band Besetzung nach preussischem Muster. Das ist nicht verwunderlich, waren doch die beiden Direktoren der Musikschule Kneller Hall, Carl Mandel und Henry Schallehn, Deutsche.

1882 hatte die  Stalybridge Band schon Fast unsere heutige Besetzung: 1 Sopran, 3 Solocornets, 2 Repianocornets, je ein 2.- und 3.- Cornet, 3 Flügelhörner, 3 Es- Hörner, 2 Baritons, 2 Euphonien, 2 Posaunen, 5 Bässe und das Schlagzeug.

Der allmählich wachsende Wohl- und Lebensstandard ermöglichte es den Leuten, mehr Zeit zu haben, um sich zu treffen und zu musizieren. Bands traten bei jedem speziellen Anlass wie Blumenausstellungen, Gewerkschaftstreffen, Sonntagsschulen etc. auf. Besonders am Samstagnachmittag waren Tanz- und Marschmusik in den Parks sehr willkommen, sie spielten aber ebenso gern eine Auswahl populärer Musik. In der Saddleworth- Area von Lancashire mit ihrem Whit Friday March Contest hält sich diese Tradition noch immer.

1914 war die Blütezeit der Brass Bands noch nicht vorüber, obwohl es schwieriger wurde, Musiker für die besten Bands zu finden, wie die Yorkshire Zeitung schrieb:

"Niemand kann wegen der Apathie der jungen Generation Bandleute finden."

Fussball, Kino, Pfadfinder etc. liefen der Brass Band bei den Jüngeren den Rang ab. Die Wurzeln der Bandtradition trockneten aus. Durch nationale Krisen nach 1914 verlor man junge Spieler. Was früher als Einheit verbunden hatte, Karneval, Samstagnachmittagskonzerte, Protestmärsche, verschwand, und nach dem Krieg liess die Depres­sion noch weniger Bands zu.

In South Wales und Durham lösten sich Bands auf, weil Mitglieder wegzogen, um Arbeit zu finden. Sogar die erfolgreichsten Bands wie Fodens waren gezwungen, als Strassenmusikanten aufzutreten. Bands waren übers Land verstreut, selbst dort, wo nur wenig Bandtradition vorhanden war.

1939 überlebten viele Brass Bands den Krieg nur, weil sie gelegentlich spielen durften. Nach dem 2. Weltkrieg wurden wieder zahlreiche Bands gegründet, das Radio brachte ihre Musik, die Motivation stieg.

1952 gründete Dr. Dennis Wright die National Youth Brass Band, um frisches Blut in die Bands zu bringen. Überall in England entstanden Jugendbands. 1938 wirkte Betty Anderson in Leicester Imerci mit acht Jahren mit, und konnte als erste Frau 1978 den Belle Vue dirigieren. Heute sind ca. 25% Frauen in Brass Bands aktiv tätig und akzeptiert. Jetzt existieren ungefähr 1'500- 2'000 Brass Bands in England und die Anzahl nimmt auch in anderen Ländern zu, welche der britischen Instrumentierung und demselben Repertoire entsprechen. Sie blühen vor allem in der Schweiz, Norwegen, Holland, Australien und Neuseeland auf, und auch die USA und Japan zeigen immer mehr Interesse.

1.2.  Entstehung in der Schweiz

Vor ungefähr 30 Jahren begannen sich in der Schweiz einige Dirigenten für diese Art von Musik zu interessieren. Als erster Brass Band Pionier darf sicher Ernst Graf genannt werden, der nach mehreren Jahren Aufenthalt in Nordirland mit dieser Idee in die Schweiz zurückkehrte und die Brass Band Speicher gründete.

Später erbrachte auch Roger Volet, André Winkler, Daniel Aegerter, Ernst Egger, Ernst Obrecht und Jean- Charles Dorsaz Pionierleistungen, indem sie in verschiedenen Regionen der Schweiz Brass Bands gründeten. Es entstanden Bands wie Ensemble romand d’instruments de cuivre valaisan, Bürgermusik Luzern, Brass Band Schötz, Allianzmusik Basel, Brass Band Münsingen, Ensemble de cuivre valaisan, Brass Band Eschlikon, Brass Band Lommiswil, Ensemble de cuivre Melodia, Brass Band Mumpf und viele mehr.

Durch verschiedene Konzerttourneen englischer Bands in der Schweiz, wurde das Interesse für diese Art von Blasmusik immer grösser. Schweizer Blasmusiker und Dirigenten machten Studienaufenthalte in England, um die besondere Blastechnik und den Brass Band Stil zu erlernen. Begeistert vom hohen Niveau und der Ausstrahlungskraft dieser Bands, kehrten sie mit neuen Ideen und viel Gelerntem zurück. Die eigentliche Brass Band Begeisterung begann in der Schweiz aber erst um 1970.

Bald stellten sich auch an kantonalen und dann an eidgenössischen Musikfesten die Erfolge ein. Am eidgenössischen Musikfest in Biel konkurrierten die Brass Bands der Höchst- und der 1. Klasse erstmals als eigener Besetzungstyp mit speziellem Aufgabenstück. In Lausanne 1981 wurde diese Regelung auf die 2. Klasse ausgedehnt. 1972 gründete Jean- Pierre Birbaum in Crissier den schweizerischen Brass Band Wettbewerb nach englischem Vorbild, allerdings ohne Vorausscheidungen. Dieser Wettbewerb wird seither jedes Jahr durchgeführt, seit 1982 in Bern. Dieser Anlass hat viel zur Entwicklung, zum Ansehen und zur Leistungsfähigkeit der Brass Bands in der Schweiz beigetragen.

1974 erfolgte die Gründung des schweizerischen Solo- und Quartettwettbewerbes durch Markus S. Bach. Auch dieser Wettbewerb wird seither alljährlich mit grossem Erfolg durchgeführt und ist Ansporn und Motivation für sehr Zahlreiche junge Bläser und Quartettformationen.

Markus S. Bach gründete 1976 auch die Nationale Jugend Brass Band der Schweiz. Diese Formation findet sich seither alljährlich im Sommer in Gwatt am Thunersee zu einem Lager mit anschliessender Konzerttournee zusammen. Dem unermüdlichen Markus S. Bach gelingt es immer wieder, ausgezeichnete Lehrkräfte und namhafte Gastdirigenten aus dem In- und Ausland zu verpflichten. Für die NJBB wurden auch eigens Komposi­tionen der Höchstklasse geschaffen, und ein zu gleicher Zeit im Lager stattfindender Dirigentenlehrgang erfreut sich ebenfalls regen Zuspruchs und grosser Beliebtheit.

1977 wurde der schweizerische Brass Band Verband gegründet. Er zählte Ende der Achtzigerjahre 47 Sektionen mit 1440 Mitgliedern und gehört als Verbandsmitglied dem Eidgenössischen Musikverband an. Seine 47 Sektionen sind aber bei weitem nicht die einzigen Brass Bands in der Schweiz. Es gibt daneben viele Blechmusiken, die nach und nach auf Brass Band Besetzung umgestellt haben und nach englischer Art spielen, sich aber immer noch Blechmusik nennen.

Inzwischen sind auch einige überregionale Brass Bands gegründet worden, die besonders talentierten Bläsern die Gelegenheit bieten, ihre Talente zu nutzen. Meist spielen die Mitglieder dieser Regionalbands auch in ihrem Stammverein mit. Die Brass Band Bewegung hat heute im schweizerischen Blasmusikwesen ein grosses Gewicht und einen guten Namen. Nach einigen Sturm- und Drang- Jahren und nach etwelchen Auseinandersetzungen, die nötig waren, um einen allseits befriedigenden Weg zu finden und eine fruchtbringende Zusammenarbeit zu gewährleisten, ist etwas neues auf- und angenommen worden, das sich würdig in die Vielfalt und das friedliche Nebeneinander im schweizerischen Blasmusikwesen einfügt.

1.3.  Contests

Der erste grössere Contest mit 8 Bands aus allen Teilen des Landes war The British Open Championship. Er fand am 5. September 1853 im Vergnügungspark Belle Vue in Manchester in der King’s Hall statt. Bis heute- ohne Unterbrechung während den beiden Weltkriegen- wird dieser grosse Musikwettstreit jährlich im September abgehalten. Der erste Gewinner war die Mossley Temoerance Saxhorn Band mit 11 Bläsern. Als 2. folgte die Dewsbury mit 10 Bläsern und 3. wurde die Bramley Temperance mit 18 Bläsern. Zu diesem ersten Wettbewerb kamen rund 16'000 Besucher. Der grosse Erfolg der Mossley Temoerance Saxhorn Band geht auf die von Distin vermittelte Besetzung zurück, deren Einheitlichkeit des Tones und saubere Ansprache den Klang bestimmten. Alle 8 Bands spielten zwei Werke nach freier Wahl. Schon damals war die Jury in einer Box ohne Sichtverbindung zu den Bläsern untergebracht.

1854 waren es bereits 14 Bands, die am Belle Vue Contest teilnahmen. Die Bands konnten ihre Wettbewerbstücke selbst wählen, mit dem Resultat, dass z. B. die Besses o’th‘ Barn Band zwischen 1884 und 1892 zweiundzwanzigmal dieselbe Komposition spielte. Doch schon damals wurden Stimmen laut, dass jede Band ein Aufgabe und ein Selbstwahlstück spielen müsse. 1855 entstand das erste Teststück Orynthia von James Melling.

Der Unternehmer Enderby Jackson, auch Mitbegründer des Belle Vue Contests, organisierte seinen ersten Wettbewerb 1856 mit Melling in Hull. Er schrieb das Wettstück gleich selbst: Yorkshire Walzers. Jackson’s musikalische Ausbildung war sehr vielseitig: Er spielte Klavier, Flöte, Waldhorn, chromatische Trompete und studierte Komposition und Harmonielehre. Auf seine Initiative hin wurde im Crystal Palace 1860 der erste grosse Wettbewerb- und zwar während zweier Tage- durchgeführt.

Am Ende fand ein Massed Band Concert statt. Dieses Ensemble umfasste ca. 1'400 Bläser: 144 Soprancornets, 184 erste Cornets, 210 zweite Cornets, 83 Althörner in Es, 71 erste und 51 zweite Hörner in Des, 210 Baritons, 74 Tenorposaunen, 75 Bassposaunen, 80 Euphonien, 133 Ophikleiden, 155 Bombardons in Es, 2 Bombardons in Bb, 26 kleine Trommeln, mehrere grosser Trommeln und eine Orgel.

Enderby Jackson’s Crystal Palace Contest wurde in den Jahren 1860- 1863 durchgeführt und war effektiv der erste reale National Band Contest. Blasmusik und Wettbewerb waren unglaublich populär, viele Leute reisten lange Strecken, um ihre Bands zu begleiten und zu unterstützen.

Durch diese Wettbewerbe bekamen erfolgreiche Bands wie Black Dyke Mills, Meltham Mills und Besses o’th‘ Barn vertraute Namen. Die Meltham Mills Band war die erste Band, die den Hattrick 1876- 77- 78 unter der Stabführung des legendären John Gladney realisierte.

Als man im Jahre 1867 zu viele Anmeldungen zu den Belle Vue Wettbewerben erhielt, beschränkte man sich auf ein Aufgabenstück. Diese Art von Wettbewerb setzte sich mehr und mehr durch. Auch Reglemente fanden sich langsam ein, wie z. B. das vom Jahre 1889 bei einem Belle Vue Wettbewerb, welches sicher der Grundstein für die heutigen Reglemente war:
a) Berufsmusiker sind ausgeschlossen.
b) Ventilposaunen sind nicht zugelassen, nur Zug- Posaunen.
c) Ein Dirigent darf mehrere Bands leiten, jedoch nicht mitspielen. Dirigenten dürfen diese Tätigkeit Hauptberuflich ausüben.
d) Aufgabenstücke dürfen vor den Wettbewerben nicht öffentlich aufgeführt werden.

Im Jahre 1893 wurde bei der ersten Versammlung der British Amateur Band Association folgendes Reglement verfasst:
a) Jede Brass Band des Verbandes muss eine Liste ihrer Mitglieder einsenden.
b) Niemand soll sich bei zwei oder mehreren Bands registrieren lassen.
c) Eine Verbandsband darf nur unter einem vom Verband zugelassenen Juror spielen.
d) Keiner Band ist es erlaubt, mit mehr als 24 Mitgliedern zu spielen.

Beim Belle Vue Contest 1894 nahmen 19 Bands teil, wobei Gladney vier, Owen fünf und Swift ebenfalls fünf Bands dirigierte.

Einen sehr grossen Einfluss auf die englische Blasmusik übte der Industrielle John Henry Iles aus. 1898 besuchte er während einer Geschäftsreise einen Wettbewerb, der sich in Manchester abspielte. Nach seinen eigenen Worten war er sehr positiv von den Wettspielen überrascht und verliess das Konzert als überzeugter Enthusiast bezüglich Brass Band. Noch vor Ende 1898 erwarb er die Zeitung The British Bandsman und den Musikverlag R. Smith. Diese Errungenschaften und sein persönlicher Einsatz ermöglichten ihm, einen grossen Einfluss auf die Zukunft der englischen Brass Band Musik auszuüben.

Im Jahre 1900 organisierte er einen Brass Band Wettbewerb nach dem Vorbild von Enderby Jackson’s Contest von 1860, und einmal mehr wurde London das Zentrum von Anlässen mit nationalem Charakter. Der National Championship war geboren. Der National wurde ein ernstzunehmender Rivale des Belle Vue Wettbewerbs, kamen doch viele Bands aus dem ganzen Land. Im British Bandsman 1913 hiess es, dass 80‘000- 90‘000 Besucher zu den Wettbewerben erwartet wurden.

Um die Jahrhundertwende wurde die Bandaufstellung und Kombination der Instrumente für den Wettbewerb standardisiert. Wettbewerbe wurden sorgfältig vom Publikum und den Bläsern verfolgt, wie ein Beispiel vom September 1913 im The Daily News zeigt:

"...die Besucher, die Partitur in der Hand, folgten der Darbietung mit einer Gerechtigkeit und Genauigkeit und unterstützten die Juroren mit ihren Schätzungen."

Wettbewerbe waren auch regelmässig Treffpunkt grosser Rivalitäten, und die Beurteilung der Jury wurde leider nicht immer akzeptiert. Ein Jury- Mitglied wurde sogar in den Fluss geworfen, der British Bandsman Chronist schrieb:

"Die Jury wurde ausgepfiffen und bedroht, und als sie den Saal verliessen, wurde Polizei- Einsatz nötig."

Da der Crystal Palace 1936 durch Feuer zerstört wurde, musste der National Contest in den Alexandra Palast verlegt werden. Die Krise und der Ausbruch des Krieges 1939 verursachten notgedrungen einen Unterbruch des National Contests. Sofort nach Beendigung des Krieges 1945 übernahm die Zeitung The Daily Herald die Aufgabe, dieses nationale Fest weiterzuführen. Die Reglemente wurden erneuert, es wurden vier Leistungsstufen  und Regionalausscheidungen eingeführt. Zu gleicher Zeit wie der Final- Wettbewerb des Championship in der Royal Albert Hall, werden die National Finals der unteren Sektionen Second, Third und Fourth abgehalten. Auch in diesen Räumen ist die Begeisterung und der Stolz zur Aufführung nicht weniger gross als in der Royal Albert Hall.

1965 wurde Versucht, eine Youth Section ins Leben zu rufen, aber erst 1978 wurde der National um die Youth Section bereichert. Auch die Reglemente wurden der neuen Zeit angepasst. Nach Rücksprache mit den Verantwortlichen der Wettbewerbe wurde 1970 eine eiserne Regel gebrochen. Früher waren die Schlagzeuger am Wettbewerb nicht zugelassen, weil man fürchtete, sie würden mit ihrem „Lärm“ Fehler der Blechbläser überdecken. Es wurden dann aber doch zwei Schlagzeuger pro Band zum Wettbewerb zugelassen.

1968 wurden die nur kurz existierenden World Championship ins Leben gerufen und seit 1978 die European Championship. Während all dieser Jahre, von Anfang bis heute, entstanden mehrere Wettbewerbe. Die Szene wird aber nach wie vor durch den British Open und den National beherrscht.

2.    Instrumentierung/ Besetzung

Als Brass Band bezeichnet man ein Blechbläser Ensemble nach britischer Art. Diese Formation umfasst nach einem normierten Besetzungstypus alle Register vom Bass bis zum Sopran und besteht zusammen mit den Schlagzeugern ursprünglich aus 25 Bläsern und 2- 3 Schlagzeugern. In der Sopranlage verwenden die Brass Bands ausschliesslich Cornets. Trompeten sind nicht besetzt. Ein einziges Flügelhorn wird vor allem in der Altlage, also weniger Melodieführend, eingesetzt. Im weiteren gehören zum Instrumentarium: Es- Hörner, Baritone, Euphonien, Posaunen, Bässe sowie das Schlagzeug, bestehend aus Becken, kleiner und grosser Trommel.

Hält eine Brass Band an der Minimalbesetzung fest, dann werden die meisten Stimmen solistisch ausgeführt. Dadurch wird ein Höchstmass an klanglicher Transparenz erreicht. Diese kammermusikalische Musizierweise setzt aber voraus, dass hinter jedem Instrument tatsächlich ein Solist sitzt. Vor allem durch die ausschliessliche Verwendung von Cornets in der Sopranlage sind die klanglichen Differenzierungsmöglichkeiten stark eingeschränkt, ein Nachteil, der durch die weiche, flexible und in der Artikulation sehr differenzierte Tongebung bei weitem wettgemacht wird.

Zur richtigen Blas- und Ansatztechnik und dem geschulten Gehör kommt aber ein weiterer, sehr wichtiger Punkt hinzu, nämlich jener der differenzierten Artikulation bzw. des variierten Zungenstosses. Auch dieser Aspekt der Blechbläserei ist viel älter als die Brass Band Bewegung. Cesare Bendinelli greift in seiner 1614 erschienenen Trompetenschule „Tutta l’arte della Trompeta“ bei der Erörterung der verschiedenen Zungenstossarten auf entsprechende Publikationen eines Della Casa und eines Silvestro Ganassi zurück. Und was Johann Ernst Altenburg schon in seiner 1795 erschienenen „Anleitung zur heroisch- musikalischen Trompeter- und Paukenkunst“ von den damaligen Zunfttrompetern des Feldes und vor allem des Hofes verlangte, nämlich den Zungenstoss variieren zu können, ihn somit als Stilmittel einzusetzen, das war für die Brass Bands seit jeher eine Selbstverständlichkeit. Die kontinentale Blechbläserei ist kriegerischen und militärischen Ursprungs. Dies mag ein Grund dafür sein, dass sie bis in die Mitte unseres Jahrhunderts hinein, zum Teil leider bis heute, im allgemeinen sehr hart artikulierte und darum auch gerne hart, „zackig“ und signalhaft wirkte. Da aber die Brass Band Musik ganz anderen Ursprungs ist, spielte sie auch andere Musik. Zum Teil war ihre Musik sogar religiös empfunden und daher weicher, dynamisch viel differenzierter. Brass Band Musik war nie Militärmusik wie die kontinentale Blasmusik.

An der Art des Musizierens entbrannte mit dem Aufkommen der Brass Bands der Streit zwischen der herkömmlichen kontinentalen und der neuen englischen Blechblasmusik. Die bisherige Musizierpraxis unserer Blasmusikvereine wurde oft in Frage gestellt und belächelt. Es ging vor gut 20 Jahren so weit, dass übereifrige Brass Band Fans meinten, und auch lauthals bekanntgaben, die weiche Artikulation und das Vibrato im Ton seien das einzig wahre Gütezeichen der Blasmusik. Solch provokante Konfrontation ist wohl als Gegenschlag auf das oft allzu harte und laute Musizieren unserer Blasmusiken zu werten, wobei hier keinesfalls verallgemeinert werden darf, wie dies auch immer wieder geschehen ist.

Aber die Provokationen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Tatsache jedenfalls ist, dass der Unterricht auf den Blechblasinstrumenten in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend auf der Grundlage der Zwerchfellatmung, der Atemstütze aufgebaut wird. Der Ansatztechnik wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt, und die Artikulation ist sehr viel differenzierter geworden. Dies ist eindeutig auf die Einflüsse der Brass Band Szene zurückzuführen, wenn auch nicht übersehen werden darf, dass die Unterrichtsmethodik sowohl im professionellen wie auch im Amateurbereich auch unabhängig von der Brass Band neue Erkenntnisse erforscht und in Anwendung bringt. In den vergangenen Jahren ist sehr viel Grundlegendes über Atmung, Ansatz usw. auch im deutschsprachigen Raum publiziert worden. Tatsache ist ebenfalls, dass die Brass Bands, ihren Vorbildern in England nacheifernd, sich in den letzten Jahren ganz allgemein vom allzu weichen Musizieren abgewendet und einen Blechbläserstil entwickelt haben, der sowohl in der Dynamik wie in der Artikulation sehr hart sein kann.

Nun sind aber all diese Dinge wie Tongebung, Artikulation, Klangideal etc. so oder so einem ständigen Wandel und Entwicklungen unterworfen, denen sich sowohl die Brass Bands als auch die kontinentale Blasmusik, allen voran aber die professionellen Blechbläser unserer Orchester anschliessen und mitbestimmen. Auch hier bedeutet Stillstand Rückschritt. In diesem Sinne geht die Tendenz sowohl in England wie auch in der Schweiz sogar da hin, Trompeten und Waldhörner in das Instrumentarium der Brass Bands einzubeziehen, was Edward Gregson in seiner „London Brass Band“ unter grossem Protest der orthodoxen Brass Band Szene schon vor vielen Jahren gemacht hat. Die zahlenmässige Festlegung der Minimal- bzw. Maximalgrösse einer Brass Band war glücklicherweise in der Schweiz nie ein ernsthafter Diskussionspunkt; den schweizerischen Verhältnissen entsprechend gab es schon immer grössere und kleinere Bands. In England sind nun aber auch Strömungen vorhanden, welche die Begrenzung der Mitglieder in Frage stellt.


 

Originalinstrumentierung:

 

3.    Gesundheit

Es ist in der Fachwelt unbestritten, dass Musik auf die Psyche des Menschen Einfluss hat. Unter diesem Aspekt kann der Brass Band also auch ein gewisser gesundheitlicher Aspekt zugesprochen werden. Doch leider muss auch auf körperliche Risiken hingewiesen werden. Exemplarisch sollen hier zwei Probleme aufgezeigt werden

Das Mundstück, zweifellos eines der wichtigsten Teile eines Blechblasinstrumentes, wird aus einer Zink- Blei Legierung gefertigt. Beide Elemente sind hochgradig giftig und für die Gesundheit sehr gefährlich. Um eine Vergiftung zu vermeiden, werden die Mundstücke mit Edelmetall beschichtet. Infolge der Rezession und dem immer härter werdenden Preiskampf unterschreiten leider heute viele Hersteller die Mindestbeschichtungen.

Ein weiteres Problem stellt die „Lärmbelastung“ dar. Messungen im Bereich des Dirigenten haben ergeben, dass eine durchschnittliche Belastung von rund 95 dB vorliegt. Als Vergleich dazu kann man festhalten, dass die Maximalbelastung in Discotheken auf 100 dB festgelegt wurde. Dieser Wert wird also mehrmals im Laufe einer Probe oder eines Konzertes überschritten. Dies ist der Grund dafür, weshalb Fachleute warnen, mehr als sieben Stunden pro Woche Blasmusik zu machen.

4.    Anekdoten

Zum Schluss zwei Anekdoten aus der Brass Band Szene die zeigen, wie ernst und verbissen gekämpft, andererseits aber auch wie menschlich und trocken, eben britisch, Lösungen sein können:

 

Es ist üblich, dass der Juror nach dem Music- Contest ganz kurz zu den Zuhörern spricht und- bevor er die Rangliste Bekannt gibt- sagt, warum der Sieger heute so und so heisse. Auch heute wiederum an diesem Contest in Mittelengland forderte die Organisation ihren Juror nach einer Pause auf, sein Plädoyer zu halten.

Unser Juror schritt also auf kürzestem Weg auf die Bühne, drehte sich auf dem Absatz gegen die wartende Menschenmenge, bat durch ein Zeichen um Ruhe und verkündete dann, er wolle es heute ganz kurz machen. Die Siegerin sei die Band mit der Nummer 5, und machte Anstalten, die Bühne zu verlassen. Die Organisation forderte ihn höflich auf, den Zuhörern zu erklären, warum die Band mit der Nummer 5 die Siegerin sei. Der Juror zuckte die Achseln, hielt sich ebenso kurz wie beim ersten Mal und sagte bedeutungsvoll: „Die Band Nr. 5 hat mir am besten gefallen. Ihre Musik hat mir am meisten musikalische Stimmung vermittelt.“ Sagte es, und verliess die Bühne vollends.

Nicht ganz einverstanden mit dieser unüblichen, kurzen Erklärung waren Musikanten und Zuhörer. Sie ergriffen den abtrünnigen Juror und warfen ihn kurzerhand in den Fluss vor dem Konzertlokal.

 

Schon früh gab es auch Quartett- und Quintettvorträge für kleine Ensembles. Besonders berühmt waren in dieser Sparte die späteren Spitzendirigenten und Brüder Mortimer. Sie gingen als junge Männer an jeden Quartettcontest, meistens noch mit einem zugezogenen vierten Mitbläser.

So hatte man denn den Quartettcontest von Manchester absolviert und die Jury hatte- natürlich- die Brüder Mortimer  wieder einmal als Sieger erkoren. Preissumme: Ein Pfund für vier Personen, da hielt sich die Siegesfeier in Grenzen. Am nächsten Wochenende beteiligten sich die Brüder Mortimer auch in Stalybridge. Grosser Zufall: Es amtete der gleiche Juror. Dieses Mal wurden aber nicht die Mortimers als Sieger ausgerufen, sondern ihre härtesten Rivalen.

Nach dem Anlass ging einer der Brüder zum Juror und fragte ihn, was denn an ihrem Vortrag dieses Wochenende nicht gut gewesen sei. Der Juror lächelte verschmitzt und sagte: „Natürlich habe ich euren Sound am Wettbewerb sofort erkannt. Und ihr wart die Besten. Aber ich dachte, ihr wollt doch nicht schon wieder den ersten Preis, welcher wieder ein Pfund betrug. Ich dachte, eines Tages werdet ihr alle heiraten. Da habe ich euch auf die zweite Stelle des Klassements gesetzt. Der zweite Preis war doch für jeden ein Kaffeelöffel, und das könnt ihr einmal gut brauchen, wenn es um die Gründung einer Familie geht.“

 

 

Nacherzählt von Fritz Peter Preiser

 

 

© by Roland Kaufmann 1998

Quellennachweis

Archiv des British Bandsman, England

Archiv der Brass Band Zeitung, Schweiz

Bach Markus S., Aufsätze und Unterlagen über die Brass Band

http:\\www.harrogate.co.uk

Eidgenössischer Musikverband, 125 Jahre Eidgenössischer Musikverband, 1987